HAROLD SHIPMAN
Geboren am: 14. Januar 1946
Geburtsort: Nottingham
Gestorben am: 13. Januar 2004
Harold Frederick Shipman, auch bekannt als “Fred”, kam als Kind einer Arbeiterfamilie in Nottingham zur Welt. Er war das Lieblingskind seiner Mutter Vera. Sie war es auch, die ihm das Gefühl von Überlegenheit vermittelte, wodurch viele seiner späteren Beziehungen bestimmt wurden und ihm eine Jugend in Isolation und mit nur wenig Freunden bescherte.
Als bei seiner Mutter Lungenkrebs diagnostiziert wurde, überwachte er ihren Gesundheitszustand, wobei ihn der positive Effekt, den die Anwendung von Morphium mit sich brachte, begeisterte. Vera erlag schließlich ihrem Leiden, am 21. Juni 1963. Von ihrem Tod am Boden zerstört, lag es für Harold nahe, eine medizinische Laufbahn einzuschlagen. Er bewarb sich an der Universität von Leeds, studierte zwei Jahre und fiel das erste Mal durch die Examensprüfung, ehe er ein Praktikum in einem Krankenhaus begann.
Lange war er ein Einzelgänger bis er seine zukünftige Frau Primrose traf und sie im Alter von 19 Jahren (sie war 17) heiratete. Fünf Monate später war sie bereits schwanger.
1974 war er zweifacher Vater und begann in einer Arztpraxis in Todmorden, Yorkshire zu arbeiten. Hier war er anfangs als Familienarzt tätig, ehe er von einem Schmerzmittel abhängig wurde. Er fälschte Rezepte, um sich so große Mengen des Mittels verschaffen zu können. Aber das hatte ein Ende, als ihn seine Kollegen 1975 dabei erwischten. Harold machte eine Entziehungskur und musste eine kleine Geldstrafe zahlen.
Einige Jahre später wurde er in das Kollegium des Donneybrook-Krankenhauses in Hyde aufgenommen, wo er sich als hart arbeitender Arzt profilierte. Die Patienten vertrauten ihm ebenso wie seine Kollegen, auch wenn er auf manche einen arroganten Eindruck machte. Fast 20 Jahre lang war Harold dort beschäftigt, wobei seine Arbeit nur geringes Interesse seitens anderer medizinischer Experten auf sich zog.
Dem dortigen Leichenbestatter fiel jedoch auf, dass die Patienten von Dr. Shipman ungewöhnlich häufig starben und im Tod jeweils eine ähnliche Haltung einnahmen. Die meisten waren vollständig bekleidet und saßen für gewöhnlich aufrecht oder auf einer Couch sitzend. Er war davon so beunruhigt, dass er Dr. Shipman damit konfrontierte. Der Arzt versicherte ihm aber, dass es nichts gäbe, worüber man sich Sorgen machen müsste. Eine andere Kollegin, Dr. Susan Booth, fand diese Ähnlichkeit auch seltsam und sie alarmierte den örtlichen Leichenbeschauer, der wiederum die Polizei informierte.
Verdeckte Ermittlungen folgten, aber Shipman konnte nichts nachgewiesen werden, da seine Aufzeichnungen in Ordnung waren. Allerdings versäumten es die Untersuchungsbeauftragten den allgemeinen medizinischen Rat zu kontaktieren oder sein Strafregister zu überprüfen. Denn dort fanden sich Indizien für bisherige Vergehen. Eine spätere genauere Ermittlung legte dann offen, dass er die medizinischen Aufzeichnungen über seine Patienten abgeändert hatte, um deren falsch angegebene Todesursache zu untermauern.
Da sich Harold hinter seiner Rolle als fürsorglicher Familienvater versteckt hatte, ist es unklar, wann er begonnen hatte, seine Patienten umzubringen oder wieviel Menschen letztlich durch seine Hand gestorben sind. Sein Leugnen hinsichtlich der Vergehen vor allen Ämtern führte sogar dazu, dass ihm die Verantwortlichen Glauben schenkten. Erst Angela Woodruff, die Tochter eines der Opfer, die sich weigerte die Erklärungen für den Tod ihrer Mutter anzuerkennen, machte der Tötungsorgie ein Ende.
Kathleen Grundy, eine aktive wohlhabende 81-jährige Witwe, wurde am 24. Juni 1998 tot in ihrem Haus aufgefunden. Shipman hat die alte Dame zuvor besucht. Woodruff wurde damals von dem Arzt geraten, keine Autopsie durchführen zu lassen und Kathleen Grundy wurde ganz nach den Wünschen der Tochter und in deren Einverständnis begraben.
Woodruff war Anwältin und sie hatte sich immer um die Angelegenheiten ihrer Mutter gekümmert. Umso mehr war sie überrascht, als sie erfuhr, dass ein zweites Testament existierte, in dem ihre Mutter den Großteil ihres Vermögens Dr. Shipman vermachte. Woodruff war überzeugt, dass Shipman ihre Mutter ermordet und das Testament gefälscht hatte um von ihrem Tod zu profitiern. Sie alarmierte die örtliche Polizei und Polizeikommissar Bernard Postles kam ebenfalls zu demselben Schluss, nachdem er den Tatbestand betrachtet hatte.
Also wurde Kathleen Grundys Körper wieder exhumiert und die Obduktion ergab, dass sie an einer Überdosis Morphium gestorben war, welches ihr in den letzten drei Stunden vor ihrem Tod verabreicht worden war. Daraufhin wurde Shipmans Haus durchsucht und man fand medizinische Unterlagen, eine große Sammlung an Juwelen und eine alte Schreibmaschine. Es konnte nachgewiesen werden, dass Grundys Testament mit dieser Schreibmaschine verfasst wurde.
Der Polizei war es aufgrund der gefundenen medizinischen Unterlagen sofort klar, dass dieser Fall weit über den Tod einer einzigen Person hinausgehen würde. Priorität wurde den Opfern eingeräumt, welche noch nicht eingeäschert worden waren und die direkt nach einem Hausbesuch von Dr. Shipman gestorben waren.
Shipman hatte bei zahlreiche Familien in vielen Fällen darauf gedrängt, dass sie ihre Verwandten verbrennen sollten. Er versicherte ihnen, dass keine weiteren Untersuchungen nötig wären, auch nicht wenn die Todesursache den Familienangehörigen rätselhaft erschien. Falls die Familien dennoch unangenehme Fragen stellten, besorgte Shipman computergestützte medizinische Unterlagen, die seine falschen Todesurasachen bestätigten.
Die Polizei stellte im Nachhinein fest, dass Shipman in den meisten Fällen diese medizinischen Bemerkungen abänderte, damit sie zu den vorhergegangenen Aufzeichnungen passten. Was Shipman aber nicht wusste, war, dass jede vorgenommene Änderung vom Computer gespeichert wird. Dies ermöglichte der Polizei genau festzustellen, welche Aufzeichnungen geändert worden waren.
Es folgten ausführliche Untersuchungen, welche zahlreiche Exhumierungen und Autopsien nachsich zogen. Schließlich klagte die Polizei Shipman am 7. September 1998 wegen Mordes in 15 Fällen und wegen Fälschung medizinischer Unterlagen an.
Der Prozess
Shipmans Prozess begann am höheren Gericht von Preston am 5. Oktober 1999. Versuche seitens seines Anwalts, Shipman in drei unterschiedlichen Prozessen vor Gericht zu bekommen - Fälle mit physischem Eingreifen, Fälle ohne und der Grundy-Fall, denn dort waren seine Fälschungen von anderer Qualität - scheiterten. Ebenso ließ man den Einwand, Shipmans Schuld rühre von seiner früheren starken Abhängigkeit von Morphium und anderen Drogen her, fallen und so beinhaltete die Anklage im weiteren Verlauf des Prozesses 16 Strafdelikte.
Die Anklage wies nach, dass Shipman 15 Patienten getötet hatte, weil es ihm gefiel, die Kontrolle über deren Leben und Tod zu haben. Sie räumte jegliche Behauptung aus, dass Shipman aus Mitleid mit den Opfern gehandelt habe, da in keinem Fall eine Krankheit mit voraussichtlicher Todesfolge vorlag.
Angela Woodruff, die Tochter von Kathleen Grundy, trat als erste Zeugin auf. Ihre direkte Art und ihre unablässige Entschlossenheit, die Wahrheit zu finden, beeindruckte die Geschworenen. In der gleichen Weise scheiterten die Versuche von Shipmans Verteidigung, ihre Behauptungen zu untergraben, kläglich.
Als nächstes erzählte der Gerichtsmediziner dem Gericht von den grausamen Feststellungen bei den Leichen. In den meisten Fällen war eine Vergiftung durch eine Überdosis Morphium die Todesursache.
Danach wurden Analysen von Fingerabdrücken auf dem gefälschten Testament präsentiert, welche zeigten, dass Kathleen Grundy dieses Dokument niemals in Händen hielt. Die Unterschrift erwies sich als plumpe Fälschung, wie Handschriftexperten feststellten.
Letztlich führte noch ein Computerexperte der Polizei vor, wie Shipman seine Aufzeichnungen abgewandelt hatte, um Symptome vorzutäuschen, die bei seinen Patienten nie vorlagen – in den meisten Fällen, Symptome in den Stunden, bevor sie starben.
Als man im Prozess dann zu den anderen Opfern kam und den Darstellungen seitens deren Angehörigen, wurde das Muster von Shipmans Vorgehen immer deutlicher: Mangelndes Mitgefühl, Missachtung von Wünschen der Angehörigen und Abneigung gegen den Versuch, Patienten am Leben zu erhalten, waren die eine schlimme Seite. Aber es kam noch ein weiterer Betrug ans Licht: Er täuschte stets einen Anruf beim Notarzt vor, wenn die Verwandten anwesend waren und brach dann den Anruf ab, als er feststellte, dass der Patient gestorben war. Telefonaufzeichnungen zeigten schließlich, dass keiner dieser Anrufe überhaupt stattgefunden hatte.
Schließlich kamen noch Beweise auf, dass er die Droge Morphium heimlich anhäufte, indem er falsche Rezepte an Patienten, die kein Morphium erhielten, ausstellte. Anderen, welche für gewöhnlich Morphium erhielten, verschrieb er mehr als die übliche Dosis. Ebenso gab er Hausbesuche bei Patienten an, die bereits verstorben waren, um weitere unbenutzte Drogen für seine „Behandlungen“ zu sammeln.
Shipmans hochmütiges Benehmen während des Prozesses trug nicht zu seiner Verteidigung bei. Er kam nicht als der pflichtbewusste Arzt und Profi rüber, der seine Interessen grundsätzlich denen andere hinten anstellt. Er lieferte sich geradezu selbst den Geschworenen aus - aufgrund seiner Arroganz und den ständig neuen Geschichten, die er erzählte, wenn er mit offensichtlichen Lügen konfrontiert wurde.
Es folgte eine akribische Zusammenfassung des Richters und eine Warnung an die Geschworenen, dass es keine Zeugen gäbe, die Shipmanm in dem Moment erwischt hatten, als er einen seiner Patienten umgebracht hatte. Dennoch waren die Geschworenen ausreichend von der Beweislage und den Hinweisen überzeugt und sie befanden Shipman am Nachmittag des 31. Januar 2000 einstimmig für schuldig in allen Punkten: 15 Fälle von Mord und einer hinsichtlich der Fälschung medizinischer Dokumente.
Der Richter fällte das Urteil: 15-mal lebenslänglich und vier Jahre für die Fälschungen. Dies summierte er in ein „echtes“ lebenslänglich ohne Bewährung oder andere Möglichkeiten frühzeitiger Haftentlassung. Shipman wurde ins Gefängnis von Durham eingeliefert.
Die Nachwirkungen
Die Tatsache, dass ein Arzt 15 Patienten umgebracht hatte, ließ einen Schauder durch die Medizinerriege fahren, aber es zeigte sich, dass das im Vergleich zu dem was spätere Untersuchungen im Fall Shipman ans Tageslicht beförderten, absolut unbedeutend war.
Eine sachliche Prüfung – durchgeführt von Professor Richard Baker von der Universität von Leicester, stellte die Zahl und das Muster der Todesursachen in der Praxis von Harold Shipman heraus und verglich sie mit denen andere Ärzte. Diese Untersuchung ergab, dass die Zahl der unter Shipman verstorbenen Personen, speziell in fortgeschrittenem Alter, um ein vielfaches größer war und dass dies auch zu bestimmten Tageszeiten stattfand. In einer ungewöhnlich hohen Zahl von Fällen war Harold Shipman mit beteiligt. Die Untersuchung kam zu dem Schluss, dass Harold Shipman letztlich für den Tod von 236 Personen in einem Gesamtzeitraum von 24 Jahren verantwortlich ist.
Davon losgelöst gab es eine weitere Untersuchungskommission unter der Leitung der obersten Zivilrichterin, „Dame“ Jane Smith, welche 500 Aufzeichnungen, von Patienten fand, die unter Shipmans Aufsicht gestorben sind. Der 2000 Seiten lange Bericht kommt zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich 218 seiner Patienten ermordet hat, auch wenn Janet Smith zugab, dass dies bloß eine Schätzung sein konnte, da nicht mehr genügend Beweise vorzufinden waren.
Die Kommission vermutete, dass Shipman „süchtig nach töten“ war und sie schätzten die Untersuchungen der Polizei als bedenklich ein. Wären die Untersuchungsbeauftragten nicht so unerfahren gewesen, hätte man Shipman schon wesentlich früher vor Gericht bringen können.
Seinen ersten Mord hat er wohl schon in den ersten Monaten als praktizierender Arzt begangen. Die 67-jähirge Margaret Thompson starb im März 1971, als sie sich gerade von einem Schlaganfall erholt hatte. Allerdings wurden die Todesursachen vor 1975 nicht festgehalten.
Wie hoch auch immer die genaue Zahl sein mag, sie sagt jedenfalls aus, dass Harold Shipman vom britischen Killer-Arzt, der seine Patienten umbrachte, zum furchtbarsten Massenmörder der Welt aufstieg. Er blieb im Gefängnis von Durham während all dieser Untersuchungen und beteuerte immer wieder seine Unschuld. Er wurde immer von seiner Frau Primrose und seiner Familie verteidigt und schließlich verlegte man ihn im Juni 2003 in das Gefängnis von Wakefield, da es für seine Familie einfacher war, ihn dort zu besuchen.
Am 13. Januar 2004 wurde Shipman um 6 Uhr morgens tot in seiner Zelle in Wakefield gefunden. Er hatte sich mit den Bettlaken an der Fensterstange erhängt.
Was bleibt, ist ein Geheimnis bezüglich der möglichen Aufenthaltsorte seiner Überreste. Einige behaupten, dass sein Körper noch immer im Leichenschauhaus von Sheffield ist. Denn man glaubt, dass seine Familie über seinen Körper wacht. Da sie vermutet, dass Harold Shipman in seiner Zelle ermordet wurde und deshalb wolle man sein Begräbnis aufschieben, um bezüglich der Todesursache genauere Untersuchungen durchführen zu lassen.


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